Selbst Gemüse anbauen: Saatgut

In den letzten Jahren hatte ich immer wieder einen Saison-Garten und auch Fensterbänke und Hinterhöfe blockiere ich liebend gern mit meinem Gemüse. Inzwischen artet das ganze jedes Jahr etwas weiter aus (was natürlich auch bedeutet: ich produziere jedes Jahr etwas mehr von meinem Essen selbst). Entsprechend ist es höchste Zeit einige Zeilen zum Thema Gemüseanbau in der Stadt mit euch zu teilen. Gärtnern scheint nämlich auch 2021 ein ziemlich gelingsicherer Plan zu sein, der aufgrund viel frischer Luft und Platz auf dem Acker unabhängig von weiteren Entwicklungen machbar scheint. Auch sonst ist der Anbau von eigenem Gemüse immer eine gute Idee – einfach aus dem Grund, dass es Spaß macht seltene oder historische Gemüsesorten anzubauen, die sich selten im Supermarkt und auf Wochenmärkten finden, und natürlich – nach viel zu langer Wartezeit – zu ernten. Außerdem geht es natürlich nicht regionaler und ökologischer als aus eigenem Anbau.

Mein persönliches Dilemma beim Gärtnern heißt Hamburg. Wie es in den letzten Jahren trotzdem mit ziemlich viel eigenem Gemüse geklappt hat, erzähle ich euch im zweiten Teil dieser Serie. Heute soll es erst einmal um das Thema Saatgut gehen, denn damit solltet ihr euch möglichst bald ausstatten, wenn ihr 2021 pünktlich in die Saison starten wollt.

In diesem Jahr konnte ich es nicht lassen und habe vor ein paar Tagen die ersten Chili, Physalis und Paprika Samen in de Erde gesteckt, um den wärmeliebenden Pflanzen etwas Vorsprung zu geben. Die LED Lampe macht es möglich. Mit der Vorzucht weiterer Pflanzen auf der Fensterbank warte ich noch ein paar Wochen bis es draußen wieder länger hell ist.

Saatgut – Vielfalt statt Gentechnik!

Was bei uns auf dem Teller landet wird problematischerweise seit der Industrialisierung immer stärker von der Agrarindustrie und Saatgut Konzernen bestimmt. Dies hatte und hat dramatische Auswirkungen auf die Sortenvielfalt und damit auch darauf, was auf unseren Tellern ladet – weniger Vielfalt in Farben und Formen und ebenso an Geschmack.

So stolpert man auch beim Saatgut kauf sehr schnell über genetisch verändertes F1 Hybrid- und CMS-Saatgut. Aus diesen Pflanzen gewonnenes Saatgut ist nicht vermehrbar. Für den eigenen Garten bedeutet dies: Wer zu genetisch veränderten Saatgut greift, muss jedes Jahr Saatgut nachkaufen – und supportet ganz nebenbei leider unter anderem auch den Verlust der Artenvielfalt.

Schon heute besitzen gerade mal 10 Saatgutkonzerne 73% des weltweiten Saatgutmarktes

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www.keine-gentechnik.de/dossiers/saatgut/

Die wesentlich vielfältigeren, oft bunten, teils “alten” (historischen), teils neu (gekreuzten) sowie nur teilweise zugelassenen nicht genetisch veränderten Bio- Sorten sind nicht nur hübscher, sondern vor allem auch samenfest. Das bedeutet auch, dass sie sich weitervermehren lassen. Entsprechend lohnt es sich auf jeden Fall, einmalig qualitativ hochwertiges Saatgut anzuschaffen, um dieses im Anschluss selbst gewinnen zu können.

Während es einige gute Bezugsquellen für zertifiziertes (samenfestes) Bio-Saatgut gibt und sich dort auch einige historische Sorten finden, wird es bei anderen (nicht zertifizierten) Gemüsesorten kompliziert. Denn: Was nicht zertifiziert ist, darf auch nicht verkauft werden. Auch dank dieser kleinen Regelung nimmt die einst vorhandene gigantische Vielfalt an Kulturpflanzen immer weiter ab.

Mehr Infos zum Thema Saatgut Patente findet ihr bei No Patents On Seeds.

Wo finde ich samenfestes Saatgut?

Samenfestes Bio-Saatgut kann man zum Glück vielerorts kaufen. Wirklich außergewöhnliche Vielfalt bieten hingegen nur wenige Shops.

Zudem gibt es natürlich auch Möglichkeiten an nicht zertifiziertes Saatgut zu gelangen. Denn während der Verkauf nicht legal ist, ist der Tausch von nicht zertifizierten Gemüsesamen gestattet. Tauschbörsen und Vereine zum Erhalt der Saatgut-Vielfalt sind hierfür gute Anlaufstellen. Diese sind zudem oft die günstigeren Optionen (im Vergleich mit dem Saatgut-Kauf in Garten-Shops & co.).

Auf die Nennung einiger Shops möchte ich dennoch nicht verzichten, denn insbesondere bei den beiden unter “Größte Vielfalt” genannten Händlern habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder einige ziemlich tolle und sehr selten gewordene Gemüsesorten entdeckt.

So besteht auch mein persönliches Saatgut-Archiv aus einer Mischung aus selbst gewonnenem Saatgut, getauschtem Saatgut, Saatgut aus Tauschbörsen und auch einem Teil aus gekauftem Saatgut von Sorten, die ich anderweitig nicht finden konnte.

WERBUNG: Es folgen Links zu verschiedenen Firmen, Websites, Vereinen und anderen Organisationen. Es handelt sich um keine Kooperationen.

Saatgut tauschen

Online

Eine ziemlich günstige Option für alle, die bereits Saatgut aus dem eigenen Garten gewinnen und gerne neue Sorten probieren. Natürlich findet man nicht immer exakt wonach man sucht, entdeckt dafür aber öfter mal was neues und probiert so vielleicht auch Sorten aus, die man sonst nicht unbedingt gekauft hätte. Ich habe bereits einiges online ertauscht und hatte bisher nur sehr nette Tauschpartner*innen.

Komplett umsonst ist diese Variante der Saatgut Beschaffung ebenfalls nicht. Schließlich bezahlt ihr Briefporto (also ab 0,80€ für bis zu 20g Gewicht) und ein paar Cent für die Verpackung. Allerdings passen in den 20 Gramm Brief auch locker die Samen von 10 oder mehr Gemüsesorten (zumindet von jenen, die kleinere Samen ausbilden, also z.B. Tomate, Chili, Kräuter usw.), was den Online-Tausch im Vergleich zum Saatgut kauf natürlich immer noch unschlagbar günstig macht.

  • Tauschgarten: Funktioniert mit einem Tausch-Guthaben-System, welches ermöglicht, dass Person A etwas bei B bestellt, B dafür ein Guthaben erhält und dieses kann für eine Bestellung bei Person C ausgeben kann. Bei einem Tausch über das Guthaben System fällt eine geringe Gebühr (0,50€) plus natürlich der Versand an. Alternativ (z.B. wenn man noch kein Guthaben hat) kann man auch einen Direkttausch anfragen und zahlt dann nur den Versand. Über diese Börse habe ich schon häufiger getauscht und bisher nur gute Erfahrungen gemacht.
  • Tauschgnom: Themenübergreifende Tauschbörse mit einigen Saatgut Angeboten. Keine Tauschgebühren. Den Tauschgnom habe ich vor kurzem erst entdeckt und bisher noch nicht getestet.
  • Ab Herbst organisieren einige Garten-Blogger*innen häufig Saatgut Tauschaktionen. Diese habe ich bisher immer verpasst. :)
  • Auch auf Instagram findet ihr unter Hashtags wie #saatguttausch, #saatguttauschen, #saatguttauschbörse, #saatguttauschaktion usw. immer wieder Tauschaktionen. Auch hier suche ich irgendwie nie zum richtigen Zeitpunkt, der irgendwann zwischen Herbst und Frühjahr liegen dürfte.
  • Auch auf Facebook gibt es viele Saatgut Tauschgruppen, z.B.: Bio-Saatgut-Tauschbörse, Saatgut tauschen und verschenken, Saatgut Tauschbörse und Saatgut wie zu Omas Zeiten.

Lokal tauschen

Obwohl ich bezweifle, dass in diesem Frühjahr viele Saatgut Tauschbörsen und Festivals stattfinden, möchte ich diese Option kurz erwähnen. Irgendwann wird auch das wieder klappen – und vielleicht findet dieses Jahr ja sogar noch die ein oder andere Veranstaltung ausnahmsweise online statt. Ansonsten bleibt natürlich immer die Option mit Freunden zu tauschen oder Saatgut über einen Verein zu beschaffen (dazu weiter unten mehr).

  • Saatgut Festivals, div. Orte: Eine Liste mit Daten & Orten findet ihr mit klick auf den Link. Ob diese 2021 stattfinden können ist aktuell natürlich leider nicht klar.

Vereine & Initiativen

Vereine und Initiativen, die sich für den Erhalt seltener Sorten engagieren, sind ebenfalls eine meine präferierten Anlaufstellen, wenn ich auf der Suche nach Saatgut bin. Schließlich ist es sinnvoller ein paar Taler an einen gemeinnützigen Verein zu überweisen, als diese in großen Baumärkten o.ä. auszugeben.

Saatgut gibt es bei Vereinen oft gegen Spende. Saatgutlisten der Erhalter-Projekte finden sich in einigen Fällen online und sind oft wahnsinnig vielfältig. So müssen die Sorten nicht unbedingt für den Verkauf auf dem europäischen Markt zugelassen sein und man findet hier oft seltene sowie historische und fast in Vergessenheit geratene Sorten. Die Kosten (festgelegte Spendensumme oder flexible Spendensumme pro Saatgut Tütchen) sowie die Anzahl der bestellbaren Sorten variiert von Verein zu Verein.

Manche der Projekte versenden Saatgut nur im Winter bzw. kurz vor der Saison. Das schöne daran: Zwar ist das Saatgut für den eigenen Garten nicht umsonst, aber dafür unterstützt ihr mit eurer Bestellung auch ein Projekt, welches sich für Artenvielfalt engagiert. Klingt auch sonst wesentlich besser als “Baumarkt”, oder?

Saatgut Listen von Vereinen & privaten Initiativen:

Ein paar Beispiele:

Zudem gibt es fast überall auch lokale Projekte, die sich dem Erhalt der Saatgut Vielfalt oder auch dem Urban Gardening widmen. Auch hier lohnt es sich ggf. nach Saatgut zu fragen oder online danach zu suchen.

Wer keine Zeit für einen komplett eigenen Garten hat, findet bei lokalen Projekten oft auch die Möglichkeit direkt mitzugärtnern. Da ich 2020 ziemlich viel Zeit hatte, habe ich mich ausnahmsweise für beides – ab und an Helfen bei einem lokalen Projekt, den “Tomatenrettern” (siehe Fotos oben), und trotzdem einen eigenen Garten bestellen – entschieden. Vor- und Nachteile hatte für mich persönlich beides, denn einerseits wühle ich sehr gerne alleine im Dreck und kann ohne Menschen um mich herum auch am allerbesten entspannen, andererseits bieten gemeinnützige Projekte natürlich die Möglichkeit, wahnsinnig viel von anderen zu lernen.

Saatgut kaufen

Größte Vielfalt

Deaflora – Die Aromagärtnerei Deaflora bietet eine enorme Vielfalt an Obst, Gemüse, Getreide & Kräutersamen. Größtes Problem: Zu meinen ganz großen Schwächen zählen unter anderem Bohnen und Mais. Von beidem bietet Deaflora eine gigantische Auswahl fantastischer historischer Sorten (wie auch von vielen anderen Dingen), von denen schon einige in meinem Garten standen. In diesem Jahr freue ich mich besoders auf die Palerbse “Roveja di Castelluccio”, die Erdmandeln “Long Sweet”, Tarwi (Anden Lupine) und den Zuckermais “Anasazi Sweet”.

Ursprünglich aus einer Höhle in New Mexico gerettet, wo ein vorausschauender Anasazi Indianer die Samen in einem Keramiktopf gelegt hatte, mit einem Deckel verschlossen und sogar versiegelt hatte.

wie toll ist es bitte sowas im eigenen garten stehen zu haben? :) Quelle: Deaflora.de, Anasazi Sweet – kommt 2021 in den garten!

Rühlemanns Kräuter und Duftpflanzen – Als der Katalog von Rühlemann mir vor Jahren bei einer Bekannten begegnete, war ich ziemlich beeindruckt. Format und Dicke entsprechen ungefähr einem Telefonbuch voller Kräuter und Heilpflanzen. Super für alle, die sich gerne zwischen hunderten Sorten Basilikum & co. entscheiden oder auf der Suche nach selteneren Kräutern sind. Das “Telefonbuch” könnt ihr euch selbstverständlich sparen, denn natürlich gibt es das Sortiment auch im Onlineshop.

Die bekanntesten Anlaufstellen für zertifiziertes Bio-Saatgut:

Weitere Shops, die samenfeste & seltene Sorten anbieten:

Kartoffeln

Pflanzkartoffeln, Saatkartoffeln, Speisekartoffeln – Was ist eigentlich was? Ähnlich wie beim Saatgut ist auch die Kartoffel-Vielfalt durch Saatgut-Gesetze bedroht. Deshalb gibt es für euch zunächst die wichtigsten Kartoffel-Facts.

Kurz zusammengefasst:

  • Pflanzkartoffeln werden oft auch als Saatkatoffeln bezeichnet. Es handelt sich um zugelassene Sorten, die in Hinblick auf Pflanzengesundheit, Größe und Sortenreinheit besonderen Anforderungen und Kontrollen unterliegen. Ähnlich wie beim Saatgut ist es auch bei den Kartoffeln schwerer seltene oder histrorische zugelassene Sorten zu finden & die Auswahl ist um einiges geringer.
  • Speisekartoffeln zählen nicht zu dieser Kategorie. Sie werden jedoch seit Beginn der Kartoffel Kultivierung ebenfalls zur Nachzucht von Kartoffeln eingesetzt.
  • Im eigenen Garten ist es rechtlich unbedenklich Speisekartoffeln für den Anbau zu verwenden. Dadurch werden sie zwar offiziell nicht zu “Pflanzkartoffeln”, aber “Es besteht also kein Anbauverbot für Speisekartoffeln, sondern nur ein Verkaufsverbot für Speisekartoffeln als “Pflanzkartoffeln” (Quelle).

Von vielen alten Sorten gab oder gibt es kein offizielles Pflanzgut im Sinne des Saatgut-Verkehrsgesetzes. Alte Landsorten waren per Definition nie auf einer offiziellen Liste und deren Zulassung ist bedingt durch die Zulassungskriterien sowohl teuer als auch sachlich nahezu ausgeschlossen. Sorten auf die aktuelle Sortenliste zu bringen, können sich heute fast nur noch international tätige Großkonzerne leisten.

https://www.erlesene-kartoffeln.de/pflanzkartoffeln-saatkartoffeln

Was du beim Anbau von Speisekartofeln beachten solltest:

  • Die Kartoffeln müssen gesund, ungewaschen und unbehandelt sein.
  • Die verwendeten Speisekartoffeln sollten am besten vorgekeimt werden.

Shops

Eine tolle Auswahl unbehandelter Speisekartoffeln sowie zugelassener Pflanzkartoffeln bieten diese Shops:

Hast du weitere Tipps?

Wenn dir in diesem Artikel ein Tipp oder ein Link zum Thema samenfestes Saatgut fehlt, kannst du gerne einen Kommentar unter diesem Beitrag verfassen. Ich freue mich auf jeden Fall über Ideen und Feedback!

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